Donnerstag, 12. September 2013

Sieben auf einen Streich

Definitiv zutreffend, auch wenn das Schneidern weniger zu meinem Aufgabenbereich fällt. Eine Katze mag sieben Leben haben. Diese folgen aber eines dem anderen. Als Aupair/ Au Pair/ AuPair /Oh Pähr (einigen wir uns auf die einfachste Schreibweise „Aupair“, um rheumatischen Erscheinungen in meinem linken Ringfinger vom vielen Shifttaste-Drücken vorzubeugen) führt man sieben Leben parallel – „Sieben auf einen Streich“!

Wem kommt nicht manchmal der Gedanke, dass all die zu erfüllenden Aufgaben und Dinge, an die man denken muss doch schon viel zu viel für ein einziges Leben sind? Nicht aus Spaß gibt es zu jedem nur erdenklichen Thema eine Liste in meinem Handy, meinem Kalender oder meinem Ordner (zu finden unter „Listen“ (echt jetzt)). Ok, ich gebe zu, mittlerweile ist es auch Spaß, war es eigentlich immer. Aber ich komme vom rechten Weg ab! Wie vereinbart man also gleich sieben Leben in einem, wenn es doch trotzdem nur 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche gibt? Vermutlich ist es das Beste, die Rollen, die man so spielt, möglichst wenig durcheinander zu bringen, so dass man sich zur jeweiligen Zeit nur um das jeweilige Thema einen Kopf machen muss. Versucht man mal, die Rollen auseinanderzupulen, sieht das ungefähr so aus (bevor jemand versucht, eine Logik in der Reihenfolge zu finden, diese ist per Zufallsgenerator bestimmt) :

Leben 1: Das neue Familienmitglied

Für die Gasteltern im besten Fall eher eine Cousine, Schwester oder familiäre Freundin. Ein zusätzliches Kind wünscht sich sicher keine Familie, die nach einem Aupair sucht. Bei uns sind es ja nun auch nur alberne neun Jahre Altersunterschied zwischen „Gastmama“ Michelle und mir, was vermutlich die Ursache dafür ist, dass wir von Anfang an auf einer Augenhöhe und wunderbar miteinander kommunizieren konnten. Für die Kinder bin ich vermutlich und ebenfalls im besten Falle so etwas wie eine große Schwester geworden. Auch die Großeltern und Tanten/Onkels haben mich von Anfang an aufgenommen wie ein eigenes Familienmitglied, das einfach lange sonstwo war und wieder da ist, wo es hingehört. Hingehören.. Genau das ist doch das Gefühl, das jeder sich wünscht in seiner Familie und auf das man auch in Beziehungen mehr oder lieber weniger mühsam hinarbeitet. Zueinander gehören!

Und so macht man sich in diesem Leben einen Kopf um andere Familienmitglieder, darum, ob es allen gut geht, darum, wie man einander helfen kann und darum, wann man einander wiedersieht.

Leben 2: Das Familienmitglied der „traditionellen Art“

Hier bin ich Schwester, Tochter, Enkelin, Cousine, Nichte und was nicht sonst noch alles. Aber da gibt es ja noch eine Familie – MEINE Familie. Da bin ich doppelte Schwester, Tochter, Enkelin, Cousine, Nichte und was nicht sonst noch alles. Alles und vor allem jeden hat man zurückgelassen und vermisst jeden einzelnen hier jeden einzelnen Tag!

Und so macht man sich einen Kopf um andere Familienmitglieder, darum, ob es allen gut geht, darum, wie man einander helfen kann und darum, wann man einander wiedersieht.

Leben 3: Die Freundin

Nicht nur die Familie ist zu Hause geblieben. Auch die Freunde und nicht zuletzt der Freund. Dank Skype und Kopf und Herz voller Erinnerungen ist natürlich jeder ein Stückchen näher bei mir und kann so gut es geht alles miterleben. An dieser Stelle auch ein ganz liebes Dankeschön an meine liebe Ziegi und meine liebe Anna für die schönen Heimweh-1.Hilfe-Boxen, die ich glücklicherweise noch nicht gebraucht habe, die mich aber jeden Tag wieder von meinem Regal aus anlächeln, mein Zimmer und jeden Tag verschönern (vermutlich habe ich es genau deswegen noch nicht gebraucht. Ist es doch wie mit Regenschirmen – hat man einen, braucht man keinen).

Der Delete-Ring für schlechte Tage (auch noch nicht gebraucht)

"Home is where your heart is"
Seid euch gewiss, liebe Freunde, ich denke jeden Tag an euch, wünschte mir, ihr wärt alle hier und freue mich über jeden, von dem ich hier ein paar Zeilen lesen darf oder der über Skype einen Kaffee oder Wein mit mir trinkt.

Und so macht man sich einen Kopf um den daheimgebliebenen Freund, fragt sich, wie er sich wohl fühlt, wissend, dass es einem selbst leichter fallen muss, so in einer komplett neuen und tollen Umgebung, wo er selbst doch im gleichen alten Trott geblieben ist – nur eben ohne mich. (Sicher ja auch mal ganz schön, oder?) Macht sich einen Kopf um seine Freunde, darum, ob es allen gut geht, darum, wie man einander helfen kann und darum, wann man einander wiedersieht.

Leben 4: Jules – die neue Freundin

Julia, Lena & Jules biem Picknick in Fremantle

Vivi, Hannah (aka Hans), Freya und Juju am Bahnhof Perth Underground

Trend-Testen im Shoppingcenter "Batmaaaan"

Jules und Hans mit geliebtem Boost-Smoothie
Wollen wir mal hier nicht nur so melancholisch und sentimental vor uns hinschreiben. Party ooon! Perth ist alles andere als eine traurige oder Trübsal-blasende Stadt. Und so war es leicht, schnell viele tolle und spannende Kontakte zu knüpfen. Mit meinen Mädels (wie, nur Mädels? Ja, nur Mädels!) verbringe ich wunderschöne Stunden und Tage und ich freue mich, in ihnen neue Freunde gefunden zu haben, mit denen ich diese aufregende Zeit teilen kann. Yummi Lunch im Lieblingscafe „Yelo“, Milchshake, Kaffee, Cider, Wein, Shopping und nun das Spannendste: Unser erster gemeinsamer Urlaub! Am 28. November geht es für fünf Nächste nach Lombok in Indonesien, wo wir zu sechst 3 Suiten mit eigenem Pool teilen und mal Urlaub vom ständigen Strand und Spaß machen. Albern in den Urlaub zu fahren, wenn man doch durchgehend im Urlaub ist, möchte man meinen, aber ein Tapetenwechsel hat ja bekanntlich noch niemandem geschadet, außerdem tut es ja auch sicher niemandem weh, ein zusätzliches Stückchen dieser schönen Welt zu sehen.

Und so macht man sich einen Kopf um seine neuen Lieben, darum, ob es allen gut geht, darum, wie man einander helfen kann und darum, wann man einander wiedersieht.

(So, Ladies, I'm so happy to have you here, am so looking forward to flying to Lombok with you and hope for round about a million of nice Milkshakes, Sunday Sessions, Beach Times and Picnics to whichever time of the day! You're filling my time with lots of love and fun!
Big TA for that!!)

Leben 5: Der Tourist

Australien in der Tube oder im Pott. Wundermittel gegen trockene Haut!

Lunch im geliebten "The Coffee Club"

Bizarr und gar nicht soo eklig. Cola-Rosinen

Lunch im geliebten "Yelo Cafe"

Vegemite-Regal im Supermarkt
Die Kamera darf natürlich nirgends fehlen. Und wenn doch mal, dann muss eben die hochqualitative (...) Handykamera herhalten, damit im „Leben danach“ auch nichts in Vergessenheit gerät. Außerdem wollen ja die geliebten Blogleser auch alles sehen, nicht wahr? Und so packt man an den schlichtesten und langweiligsten Orten oder ganz unauffällig im Restaurant mal schnell das Handy aus und – zack – Foto gemacht. Gelegentlich kommt man sich dabei ziemlich albern vor, das Ergebnis ist es dann aber doch fast jedes Mal wert.

Und so macht man sich in diesem Leben einen Kopf um ein schönes Bild, ein schönes Souvenir, das richtige Licht oder darum, unbeobachtet zu bleiben, wenn man zum gefühlten zwanzigsten Mal seinen Milchshake fotografiert.

Leben 6: Die Mutti

Im Park mit Leah
Erziehung ist nicht meine Aufgabe. Darüber bin ich ganz froh, das kommt schon noch früh genug auf einen zugerollt. Als Aupair führt aber glücklicherweise kein Weg an gewissen – nennen wir es mal mütterlichen Pflichten – vorbei. Und so backe, räume, wasche, putze, ermahne, koche und stricke ich. Außerdem lese ich vor, nehme in den Arm, putze Gesichter, gebe das Fläschchen, bereite das Frühstück (was wohl, meistens Vegemite und Butter auf Toast), räume hinterher, erkläre, spiele und sorge mich. All das genieße ich!

Und so mache ich mir einen Kopf um die Kinder, ob es ihnen gut geht, wie ich ihnen helfen kann und wann sie endlich schlafen.

Leben 7: Juju


Mittagspause am North Beach





Spät eingefallen und doch nicht vergessen. Bei so vielen Leben macht man sich eben einen Kopf um alles, da sollte man doch selbst nicht allzu kurz kommen. Sicher, es betrifft ja alles mich, sind es ja meine Rollen, mein Leben. Aber es gibt ja auch noch mich – einfach nur als Ich. Schlicht meine Person und da muss man sich gelegentlich dran erinnern, den Kopf für die weiteren sechs Leben mal für einen Moment lang auszuschalten, um Raum zu machen für sich selbst. Was möchte ich machen, was nicht? Brauche ich Ruhe? Brauche ich Action? Brauche ich Spaß oder brauche ich nichts? Was kommt jetzt, was kommt danach? Möchte ich mehr sehen oder möchte ich bleiben?

Und so mache ich mir gelegentlich einen Kopf um mich selbst, ob es mir gut geht oder was ich mir Gutes tun kann. Muss man anscheinend üben, tut aber gut, wenn man es dann einigermaßen beherrscht, sehr empfehlenswert!

Und so leben ich hier meine sieben parallelen Leben genüsslich vor mich hin und versuche sie schön sortiert zu halten.

Nun aber zur Rolle der Blogschreiberin (dürfte wohl ein wenig Freundin, ein wenig Familienmitglied und vor allem Juju sein), folgt hier noch der Bloggruß. Der geht heute an meine liebe Schwiegerfamilie! Ein dickes Dankeschön an euch, dass ihr mir unseren Nils ab nächster Woche überlasst, damit er hier in Australien meine Leben durcheinanderbringen kann! Ich werde gut auf ihn aufpassen und ihm wenn nötig beim Sortieren seiner Leben helfen! Fühlt euch umarmt und lasst es euch gut gehen!

2 Kommentare:

  1. Wow! So poetisch und so treffend! Deine Einträge werden immer besser!

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  2. Ich bin baff, Du schreibst gut! So, als wäre alles selbstverständlich, die ganzen Erlebnisse, die ganzen Pflichten. Ja, und immer auch an Dich denken, nicht vergessen. Übrigens gefällt mir die grüne Brille!

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